Meister aus elf Metern: RSV-Fußball-ID als bestes Beispiel für Inklusion

Meister aus elf Metern: RSV-Fußball-ID als bestes Beispiel für Inklusion

(www.mittelhessen.de – akl). Benjamin Hessemer und Sascha Schmutzer kicken für ihr Leben gerne. Die beiden gehören zum Fußball-ID-Team des RSV Büblingshausen.

Am vergangenen Samstag fand der letzte Spieltag der neu gegründeten Hessenliga auf dem Kunstrasenplatz des Kreisoberligisten statt.

„ID“ kommt aus dem Englischen und steht für „intellectual disability“, was übersetzt so viel wie „intellektuelle Beeinträchtigung“ heißt. Diese Klassifizierung ist international, gewisse Standards müssen erfüllt werden. Beispielsweise darf der Intelligenzquotient der Fußballer nicht über 75 liegen. Auch die gesamte Lebenssituation der Spieler wird zu Rate gezogen, wenn es darum geht, ob sie die ID-Richtlinien erfüllen. „Die Klassifizierung ist dafür da, dass mit gleichen Waffen gekämpft wird“, erklärt Karsten Dähnrich, Mannschaftsverantwortlicher des RSV Büblingshausen, der als Förderschullehrer an der Wetzlarer Friedrich-Fröbel-Schule arbeitet. Beim abschließenden Spieltag gingen nur vier Teams ins Rennen, da der TV Groß-Umstadt wegen eines Trauerfalls nicht teilnehmen konnte. Im Modus Jeder-gegen-jeden kämpften Kickers Viktoria Mühlheim, der BSG Groß-Gerau, der SV Rhinos Soccer Wiesbaden und der RSV Büblingshausen um die Meisterschaft (Foto: Spielszene mit RSV-Akteur Patrick Köster).

Gleich in der ersten Partie zwischen den Gastgebern und dem SV Rhinos Soccer stand Benjamin Hessemer im Mittelpunkt, als er in der achten Minute eine Flanke seines Gegenspielers verhinderte. „Sehr stark, Benny“, rief RSV-Trainer Yannick Scardin und quittierte die Aktion seines Verteidigers mit Beifall. Hessemer hat einen so genannten Außenarbeitsplatz beim Globus-Markt in Dutenhofen. Das heißt: Er arbeitet außerhalb der Werkstätten der Lebenshilfe auf dem ersten Arbeitsmarkt. Genauer: Im Getränkemarkt. Dort ist der 25-Jährige für das Leergut zuständig. „Samstags ist der Teufel los“, sagt er und betont, dass er sich für den abschließenden Spieltag Urlaub genommen hat. Zusammen mit seinem Mitbewohner Christian bildet er eine nahezu autonome Wohngemeinschaft nahe der Spilburg, die durch einen Mitarbeiter der Wetzlarer Lebenshilfe einmal wöchentlich betreut wird. Dort lernt der Bayern-Fan selbstständig zu leben. Er ist das beste Beispiel für eine gelungene Inklusion.

Schon bald möchte auch Sascha Schmutzer diesen Weg einschlagen. Er befindet sich seit August 2013 in der Dilltalwerkstatt in Aßlar. Schmutzer durchläuft gerade die zweijährige Orientierungszeit, die sein Teamkamerad Hessemer schon hinter sich gebracht hat. Der 21-Jährige weiß schon genau, was er zukünftig machen möchte: „Mit dem Computer zu arbeiten, das macht mir am meisten Spaß.“ Derzeit wohnt der RSV-Kapitän mit 39 anderen Menschen mit Behinderung, die in fünf familiäre Gruppen aufgeteilt sind, im Haus Hohensolms, doch demnächst wird auch er ins betreute Wohnen in die Domstadt umziehen. „Fußball ist ein zentrales Thema für die Jungs“, so Dähnrich. Der Spaß und die Gemeinschaft stehen im Vordergrund.

Übermannschaften gibt es jedoch auch bei der Fußball-ID, denn am Ende des Tages wurden die Mühlheimer ihrer Favoritenrolle erwartungsgemäß gerecht und krönten ihre starke Saison mit der Meisterschaft. Unterdessen hatten auch die Gastgeber allen Grund zum Jubeln: Die Mannschaft von Scardin gewann den Elfercup im finalen Elfmeterschießen mit 7:6 gegen die BSG Groß-Gerau. „Und das mit der jüngsten Mannschaft“, freute sich Dähnrich, der zusammen mit weiteren Verantwortlichen schon an der nächsten Saison bastelt.

– Die Ergebnisse des fünften Spieltags: Groß-Umstadt – Büblingshausen (Nachholspiel) 0:0, Mühlheim – SV Rhinos 4:0, Büblingshausen – Groß-Umstadt 0:0, Büblingshausen – Mühlheim 0:4, Groß-Gerau – Groß-Umstadt 0:0, SV Rhinos – Büblingshausen 1:0, Mühlheim – Groß-Gerau 6:0, Groß-Umstadt – SV Rhinos 0:0, Groß-Gerau – Büblingshausen 2:0, Groß-Umstadt – Mühlheim 0:0, SV Rhinos – Groß-Gerau 0:0.

– Abschlusstabelle der Hessenliga 2014: 1. Mühlheim (56 Punkte/74:6 Tore), 2. Groß-Gerau (33/25:20), 3. SV Rhinos (31/25:16), 4. Büblingshausen (14/6:43), 5. Groß-Umstadt (6/3:47).